Performing Democracy - Freiburg Festival 2022

Acht Tage Tanz, Theater, Performance & Musik

Liebes Publikum,

etwas vermessen wollten wir, das Kuratorium des Freiburg Festival, uns in der (ausgefallenen) Ausgabe 2020 keinem geringeren Thema als der Krise der Demokratie widmen – in Form von Tanz, Theater, Performance, Film und Interventionen im öffentlichen Raum. Wir fragten uns: Kann es die Demokratie mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aufnehmen? Mit Klimawandel, Digitalisierung und diversen Migrationsbewegungen?

Doch eine andere, vollkommen unerwartete Krise holte uns noch vor Festival-Beginn ein: Die Eiszeit der Corona-Pandemie zwang uns alle zunächst zum Inne- und Abstandhalten, verunmöglichte soziale Nähe und damit auch unser Festival. Gleichzeitig schien uns eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen demokratische Aushandlungsprozesse, Teilhabe und Solidarität relevanter denn je. Denn im Ausnahmezustand rückte die Demokratie verstärkt – ja, auch in Form von Anfeindungen – in den Fokus gesellschaftlicher Diskurse. Doch damit nicht genug: Nun muss die Demokratie auch noch gegen einen autokratischen Aggressor verteidigt werden, der die liberale Idee von Freiheit und Gleichheit in einem Krieg mitten in Europa bekämpft. Und diese Bedrohung betrifft auch – um es mit der Kulturstaatsministerin Claudia Roth zu sagen – das „Lebenselixier der Demokratie“: nämlich die Kunst, die Kultur und allen voran die Freiheit der Medien. 

Kunst und bis zu einem gewissen Grad auch die Künstler_innen selbst sind bekanntlich Zeitgeist-Seismographen, die kulturelle, soziale und politische Schwingungen in der Gesellschaft wahrnehmen und abbilden können. Oder aber sogar darüber hinausweisen und neue Sichtweisen aufzuzeigen vermögen. Sie hinterfragen die Gegebenheiten, irritieren bestehende Ordnungen, zeigen blinde Flecke des politischen Handelns auf oder konfrontieren die Betrachter_innen mit ihrer Rolle in der Gesellschaft. In Zeiten der Pandemie jedoch wurden die Künstler_innen zu großen Teilen ihrer Stimme beraubt, denn sie konnten nicht mit ihrem Publikum in Dialog treten.

Das ungehörte, nicht-erlebte, ausgefallene künstlerische Programm aus dem Jahr 2020 soll im Mai 2022 nun endlich unsere Bühnen bespielen. Dank der kontinuierlichen Förderung der Stadt Freiburg konnte zumindest ein Teil der künstlerischen Beiträge wieder eingeladen werden. Wir standen entsprechend vor der Herausforderung: Welche Künstler_innen, welche Stücke, welche Formen, welche Perspektiven kontextualisieren sich vor dem Hintergrund der letzten zwei ereignisreichen Jahre neu? Sollen wir den Blick in die Ferne richten oder doch lieber zuerst vor der eigenen Haustür kehren?

Vielstimmigkeit und Konsensbestreben und damit demokratische Vorgänge par excellence bestimmten die Auswahlprozesse unseres fünfköpfigen Kuratoriums – übrigens eine außergewöhnliche und gewinnbringende Zusammenarbeit des E-WERK, Theater im Marienbad und des Theater Freiburg. Genauso vielstimmig wie das Kuratorium ist auch unser künstlerisches Programm: Leitmotivisch zieht sich die Stimme als politisches Instrument, als Widerstandsorgan, als Medium der Erinnerung oder im Zusammenschluss als Chor durch das gesamte Festival.

Zum Festival-Trailer

Das Festivalprogramm

Das Performancekollektiv She She Pop komponiert in Oratorium gemeinsam mit dem Publikum aus der Vielstimmigkeit, der Uneinigkeit und dem immer nur für Momente zu erreichenden Einklang einen kollektiven Monolog. Während die Performer des Star Boy Collective in Reverse Colonialism! ihr Publikum die Normen und Regeln eines neuen Staates entwerfen lassen, um das lästige Migrations-Integrations-Debakel endgültig zu lösen. Das Performer_innen-Duo Huysmans und Dereere gibt in Pleasant Island all jenen eine Stimme, die sonst nicht gehört werden: sowohl den Geflüchteten, die von der australischen Regierung nach Nauru abgeschobenen wurden, als auch den Inselbewohner_innen, deren Lebensgrundlage durch die Ausbeutung des Phosphatvorkommens auf der Insel zerstört wurde. In der musikalischen Performance Sinfonie des Fortschritts von Nicoleta Esinencu bezeugen die moldawischen Performer_innen, wie durch das kapitalistische System unablässig neue Formen der Ausbeutung und Kolonisation entstehen, und in Mount Average sucht der Künstler Julian Hetzel einen konstruktiven Umgang mit den stummen Zeugen und Symbolen überkommener Herrschaftsverhältnisse: mit Denkmälern, Statuen und Monumenten. In UNTITLED [2020] setzen Henrike Iglesias und das junge theater basel ein Ausrufezeichen hinter die Frage, ob es sich lohnt, aufzustehen und seine Stimme zu erheben, während sich Isabelle Schads Choreografie Reflection auf die Kräfte konzentriert, die uns bewegen: Stimmlos, aber dafür die Vielstimmigkeit von Körpern in Einklang bringend, entwirft sie eine Metapher des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der Individuen um Existenz und Koexistenz ringen.

Wir laden Sie herzlich dazu ein, mit uns diese Stimmen zu hören, Ihre Stimmen abzugeben und Ihre Stimmen zu erheben! Let´s perform democracy!

Hier finden Sie den Festivalflyer als Screenversion zumDownload!

Die Kuratorinnen

Tamina Theiß and Anna Gojer, Theater Freiburg
Laila Koller, E-WERK Freiburg
Sonja Karadza and Anna Fritsch, Theater im Marienbad