Freiburg Festival

08. – 16. Juni 2018

Editorial

Ein Festival veranstaltet von
E-WERK Freiburg, Theater Freiburg, Theater im Marienbad

Liebes Publikum

mit der Frage „How close is far?“ haben wir das Freiburg Festival 2018 überschrieben. Sie stand jedoch nicht als Ausgangspunkt unserer Suche nach den Produktionen, die wir Ihnen, unseren Gästen, nun voller Freude und Stolz präsentieren, sondern ist das Resultat einer Suchbewegung, in die wir uns gemeinsam begeben haben.

„How close is far?“ stellt die Frage nach einer Positionierung: geografisch, zeitlich und auch emotional. Sie fordert uns dazu auf, uns in ein Verhältnis zu setzen: individuell, zueinander, in Bezug auf die uns umgebende Welt und auf das, was wir sehen und erleben.

Ausgehend von den sehr unterschiedlichen Ästhetiken und Formen, die wir an unseren jeweiligen Häusern präsentieren (dem E-WERK Freiburg. dem Theater im Marienbad und dem Theater Freiburg unter der neuen Leitung von Peter Carp), haben wir, die Kuratorinnen des Freiburg Festival 2018, uns darauf geeinigt, vor allem gezielt nach so genannten „interdisziplinären“ Positionen zu suchen - nach außergewöhnlichen Zugriffen und Handschriften, die den aktuellen Stand der Kunst spiegeln und das Verständnis von Theater, Musik, Tanz und Performance hinterfragen oder erweitern.

Die Produktionen, die uns am stärksten beeindruckt haben, widmen sich alle - wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise - dem kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Erbe unserer Zeit: Sie re-enacten, positionieren sich, formulieren Utopien, suchen sich zu befreien, befragen die Möglichkeiten einer aktiven Teilhabe und unternehmen zur Ergründung aktueller Fragestellungen Expeditionen in unsere Vergangenheit. Sie setzen sich sehr bewusst und aktiv in ein Verhältnis zu der uns umgebenden Welt, und das allein schon aufgrund ihrer Internationalität aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.

  • Unsere Eröffnungsproduktion Filth vom preisgekrönten, estnischen Theater NO99 fragt danach, wie nah eine Gesellschaft sich an einem Abgrund bewegen kann, ohne abzustürzen - sondern im Gegenteil neu und gestärkt daraus hervorzugehen.
  • Die vier jungen Tänzerinnen und Sängerinnen aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen Chinas untersuchen in Minorities vor dem Hinterqrund ihrer Landesgeschichte und -politik ihre eigene Situation in ihrer Heimat. - Inwieweit unterscheidet sich diese von der Situation von Migrant*innen in Europa?
  • Die jugendlichen Darstellerinnen des Junges Theater Basel fragen in ihrer Produktion Zucken sehr eindringlich danach, wie viele Schritte jede*r einzelne von ihnen angesichts politischer Zweifel, unlösbarer Fragen und genereller Unsicherheiten davon entfernt ist, sich zu radikalisieren.
  • Die italienische Ausnahmeperformerin Silvia Calderoni stellt in MDLSX sehr persönlich und unter Zuhilfenahme biografischen Materials die Frage nach den klassischen Definitionen und Kategorisierungen von Identität in den Fokus: Wie weit ist jeder einzelne von uns, geschweige denn unsere Gesellschaft, davon entfernt, unterschiedlichste Formen von (Gender-)Identitäten zu akzeptieren?
  • Die deutsche Kompanie Flinn Works erschafft mithilfe eines einzigen Requisits in ihrer Solo-Performance Schädel X eine Welt, die von Tansania und Deutschland über Archive, Konsulate, Schlachtfelder und Labore durch die deutsche Kolonialgeschichte ins Innerste des eigenen Schädels führt.
  • Die Performance Zig Zig der ägyptischen Regisseurin Laila Soliman stellt ihr Publikum vor die Frage, wie weit ein Gewaltverbrechen, begangen im Jahr 1919 in Ägypten, in der Vergangenheit liegt - und ob dieses Ereignis auch (zu) nah an uns heranrücken kann.
  • Das poetische Tableau, dass die weltberühmte belgische Tanzkompanie Peeping Tom mit Moeder erschafft, fragt danach, wie nah uns die Menschen, die wir lieben, auch nach ihrem Tod durch unseren Erinnerungsschatz bleiben können.
  • Die Multimedia-Künstler der belgischen Gruppe Berlin erzählen in Zvizdal mit einer ganz eigenen, filmischen Bühnensprache die Geschichte zweier Menschen, die sich nach dem Atomreaktorunfall von Tschernobyl weigern, ihre Heimat zu verlassen. Wie fern liegt für uns die Vorstellung eines Verlusts der Heimat?
  • Wie groß (oder klein) kann ein Schritt hin zu einer einschneidenden, persönlichen Veränderung sein? Dieser Frage widmet sich die brasilianische Star-Regisseurin Christiane Jatahy in ihrem sinnlich-bildreichen Theater- und Filmabend What if They Went To Moscow?
  • Wie nah kann ein belgischer Musiker und Komponist der russischen Seele kommen, wenn er sich stark genug nach ihr sehnt? Genau dieser Frage gehen die Künstlerinnen der Kopergietery in ihrem musikalischen Konzert Karandash auf die Spur.
  • Das theatrale Spiel-Format Lessons Of Leaking des jungen Gießener Theaterkollektivs machina eX geht sogar noch einen Schritt weiter: Denn in diesem Spiel wird Demokratie verhandelt, direkt und unmittelbar mit dem Publikum. Wie weit bin ich bereit, für meine Vorstellung von Recht und Moral zu gehen?
  • Ergänzt wird unser Festival-Programm durch vier außergewöhnliche Positionen aus den drei Theatern: Der Deutschland-Premiere der Fantasy-Oper Coraline im Theater Freiburg in Kooperation mit dem Royal Opera House London; der performativen Ausstellung Ann Lee Und Marcel des weltberühmten zeitgenössischen Künstlers Tino Sehgal in der Bildhauerhalle; den drei Tanzperformance-Premieren unserer lokalen Tanzszene im Rahmen des Tanzwerks'18 am E-WERK Freiburg; und einer ganz besonderen Welterkundungs-Tour mit dem Titel Die Große Reise von der niederländischen Regisseurin Judith Nab für unsere kleinen Gäste in einem Theaterbus vor dem Marienbad.

„How close is far?“ - Letzten Endes kann eine solche Festival-Überschrift, wenn auch mit Bedacht gewählt, doch nur eine Annäherung, ein Beschreibungsversuch, bleiben. Viel wichtiger ist es uns hervorzuheben, dass es sich bei ausnahmslos allen Produktionen dieser Festivalausgabe um sehr starke, sinnliche Setzungen und ungewöhnliche Handschriften handelt, die international Beachtung gefunden haben. Manche sind laut und vehement, andere fein hinterfragend; einige entwerfen sehr persönliche Erzählungen, andere große gesellschaftliche Utopien. Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Tamina Theiß und Anna Gojer, Theater Freiburg
Laila Koller E-WERK Freiburg
Sonja Karadza Theater im Marienbad